Bäääähm… positiv!

Kennst du das Gefühl, als hätte dir jemand den Boden unter den Füßen weggerissen? Verzweifelnd und hilflos flatternd in der Leere?
So ein Moment lässt dich erkennen, was wichtig für dich ist und was dir Angst macht, was du nicht verlieren willst und was dein Leben ausmacht.

Es gab diesen Moment vor mittlerweile drei Jahren. Ich war zu diesem Zeitpunkt schwanger mit Zwillingen, so dachte ich. Die Kinder waren aus tiefstem Herzen gewünscht… ich hatte solange darauf gewartet, diesen Schritt zu gehen.

Es war nur ein Anruf – keine fünf Minuten lang – der meine Welt kippen ließ. „Die Ergebnisse ihrer Blutprobe sind heute gekommen… Sie sind HIV positiv.“ – Das Hirn brummt wie eine defekte Oberleitung. WAS??? Mir wird schlecht. Gedanken wie Blitze „Das kann doch nicht… Was mach ich jetzt? … Die Kinder, meine kleinen Babies… Scheiße, dann hat es mein Freund auch… “

Ich solle mir einen Tee machen, diesen Ratschlag gab´s rettend dazu. Was eine erbärmliche F….! Alles, aber auch alles, was mir wichtig ist, schwankte… kippte, riss mich mit. Ich war wie ausgeknockt – ko. Es waren Minuten des Ringens, mein Bewusstsein wollte diese Info nicht annehmen – nicht akzeptabel. „Das kann doch nicht. Im Moment der größten Freude in meinem Leben – der Erwartung meiner Kinder.“ Schwarz und weiß, so eindringlich, wie ich es gar nicht kennenlernen wollte.

Ich war in meinem Leben kein Kind von Traurigkeit – aber ich hatte Verantwortung. Ich hatte keinen Zweifel daran gesund zu sein. Ich hätte anderenfalls niemals eine Schwangerschaft in Betracht gezogen.

Als die Erkenntnis kam, kam auch die Traurigkeit. Alles war kaputt. Ich las die ganze Nacht durch, wie weit die Medizin in der Behandlung von Aids vorangeschritten ist, ob die Kinder sicher waren vor meinem giftigen Blut. Was es heißt eine HIV positive Mutter zu sein. Ich hatte keine Angst vor dieser Krankheit oder meinem Tod, der sich so greifbar zeigte – ich hatte Angst um meinen Traum, um die ungeborenen Kinder, denen ich nicht die Mutter sein konnte, die sie verdienten.

Es war die mit Abstand grausamste Nacht meines Lebens. Ich fand keinen Ausweg, keine Lösung. Konnte nichts tun.

Die Verzweiflung steigerte sich noch, als ich von meiner Ärztin die Info bekam, dass sie meine Schwangerschaft nicht weiter begleiten kann, ich solle in eine Klinik in Köln gehen, die seien auf so etwas spezialisiert. Ich hielt die Broschüre ungläubig in der Hand. Man sei dort sprachlich auch auf afrikanische Patienten eingestellt. Ich hatte das Gefühl, man hätte mich aus meinem Leben geworfen. Ich wollte einen zweiten Bluttest. Als die Arzthelferin ins Zimmer kam und sah, dass ich es war, der sie Blut abnehmen sollte, wurde sie puderrot, stammelte etwas von „Achso, dann hole ich lieber die Frau Doktor… „. Ok, ein Vorgeschmack auf mein neues Leben als Aussatz. Scheiße.

Meinen Freund wollte man in der Paxis nicht testen, er sei ja kein Patient. Durch die Diagnose war ich um mindestens ein halbes Dutzend Gesellschaftsstufen gefallen.

Wir fanden einen Arzt, der noch am selben Tag ein Ergebnis liefern konnte und mein Lebensgefährte ließ sich nun auch testen. Stunden der unerträglichen Anspannung. Ich bekam die Info, dass mein zweites Ergebnis dann doch erst am nächsten Tag kommen würde. Fassungslos.

Aber dann… er ist nicht mit HIV infiziert. Er ist völlig ok. Erleichtert ist definitiv nicht das richtige Wort für unser Gefühl. Nach diesen Stunden in der totalen Schwärze, der Selbstzerfleischung… war da ein klarer Streifen Licht zu erkennen. Die Kinder würden einen gesunden Vater haben. Das war zu diesem Zeitpunkt so viel mehr als ich zu hoffen gewagt hatte.

Auch die Zeit bis zum nächsten Morgen machte ich kein Auge zu. Zwischen weiteren Weinkrämpfen und dem Versuch der Situation rational zu begegnen und zu recherchieren, mich bestmöglich zu informieren, kamen schlimme Unterleibsschmerzen.

Dann kam der Anruf der Ärztin – mal wieder. Und auf eine Art wieder so unwirklich wie der erste es gewesen war. „Eine Verwechslung. Naja, ich konnte mir das auch bei Ihnen gar nicht vorstellen.“ Ok, das war erst einmal zu viel. Es brauchte eine Zeit, bis ich mich freuen konnte. Ich tat es, natürlich tat ich es. Und doch, es war so als ob ich mich nicht traute. Diese Angst, diese Gefühle, dieser Abgrund, den ich in den letzten zwei Tagen durch lebt hatte – sie waren noch da. Alles fühlte sich dumpf an.

Wieder bei der Ärztin – die nächste Verunsicherung. Die infizierte Probe sei eine B+-probe gewesen, ich habe aber ja B-. Nein, ich habe B+. wie mein Vater, wie es in meinem Impfpass steht, im Mutterpass von damals. War es wieder eine Verwechslung. Nicht nur ich war völlig verunsichert. Also noch ein Test.

Es fühlte sich alles wie ein nicht enden wollender Alptraum an. Wie hoch kann man Scheiße eigentlich stapeln? Ich wurde untersucht, da neben den Schmerzen nun auch das Blut lief. Man hatte sich auch da vertan, ich war mit Vierlingen (!!!) schwanger.

Aus dem völlig erfüllenden Gefühl Mutter zu werden – endlich einen großen Teil meiner Bestimmung anzutreten, wurde etwas völlig Seltsames und Fremdes. Ich verlor neben dem Vetrauen in die Ärzte auch das in mich und meine sonst so starke Selbstkenntnis. Bei Vierlingen sei die Gefahr extrem hoch, 25%, dass eines der Kinder Trisomie haben könne. Es wurden Termine gemacht für die nötigen Untersuchungen, ich bekam mal wieder eine Broschüre und saß da wie in einem Film, der jedenfalls nicht von mir handelte. War das Leben vor ein paar Tagen nicht noch ausgesprochen hoffnungsvoll und wunderschön gewesen?

Ich musste jetzt schnellstens Tabletten nehmen und mich schonen, da so eine Vierlingsschwangerschaft ja schon was ist. Leider hätte man mir diese Medikamente eigentlich früher geben müssen… aber naja. Und weiter ging es. Das Ergebnis meines erneuten Bluttests: Ich habe die Blutgruppe B- und bin… nicht HIV positiv. Ok. Richtige Freude war irgendwie nicht mehr möglich. Aber ja, das war gut, wenn auch super seltsam.

Bei der nächsten Untersuchung erfuhr ich dann, dass meine vier Kleinen nicht mehr wachsen würden. Eine zweite Meinung sollte her. Bis dahin waren alle vier gleichauf in ihrer Entwicklung und jetzt der gemeinschaftliche Stopp. Auch der zweite Arzt, und der dritte sahen ihn. Schon für den nächsten Tag bekam ich einen Termin in der Klinik.

Auch hier ließ ich nochmal mein Blut testen. Es bestätigte sich: B-. Und auch sonst negativ. Sehr negativ. Das Kapitel war zuende. Und ich habe es dabei belassen. Es mag für viele nicht nachvollziehbar sein, aber es hat etwas zerstört, was nicht wieder zu beschaffen ist. Noch lange danach und manchmal auch heute trifft mich das Gefühl dieser Nächte – dieses absolut schwarze und ausweglose Gefühl. Ich wollte eine Hausgeburt, ich wollte gerne viele Kinder. Hatte nie einen Zweifel daran, dass das gut werden würde und keine Angst davor, es nicht zu schaffen, mental und körperlich. Diese Sicherheit ist weg.

Über die Ärztin wollte ich mich beschweren, aber die Ärztekammer bot mir nur ein moderiertes Gespräch mit ihr, um etwaige Probleme zu klären. Fickt euch! Die Ärztin selbst hat es nie hinbekommen sich zu entschuldigen. Ein abendlicher Anruf bei einer Schwangeren, sie sei HIV positiv ist schon sowas von daneben. Aber nachdem das auch noch eine Verwechslung war, nicht einmal eine Entschuldigung hinzubekommen. Diese Welt funktioniert so anders, als dass ich sie verstehen würde…

Und jetzt versteht mich bitte nicht falsch, dieser Kram musste einfach mal raus. Ich bin mir durchaus im Klaren, dass es weitaus schlimmere Schicksale gibt und es für jeden Menschen um sovieles schwerer ist, der vergeblich darauf wartet, dass sein Ergebnis vielleicht doch nur ein Irrtum ist. Es ist einfach eine Geschichte, die mir passiert ist und die unglaublich viel durcheinander geworfen und nachhaltig verändert hat.

About the author: Belkala

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