DER SCHWARZE FLUCH

PROLOG

Nur langsam holte mich der noch sehr frische Morgen aus meinen wirren Träumen. Durch von der ersten Helligkeit geblendete Augen erkannte ich das raue Fell meines treuen Gefährten Bram. In wachsamen Halbschlaf hatte er die Nacht neben meinem Lager verbracht, stets bereit ungebetene Besucher zu vertreiben. Langsam erhob ich mich, die Geschehnisse der letzten Tage lagen wie Gewichte auf meinen Schultern. Wie konnte das passieren? Dabei klang der Auftrag wie leicht verdientes Gold.

AUFBRUCH

Vor einigen Wochen hatte ein neuer Auftraggeber Kontakt zu mir aufgenommen. Ein kleinerer Edelmann vermisste seit einiger Zeit seinen Sohn. Dieser sei von einem Besuch des Nachbarortes nicht heimgekehrt. Ich nahm an. Aufträge dieser Art sind meist schnell erledigt und die dankbaren Eltern vermisster Kinder zahlen meist großzügiger als andere. Außerdem lag das Dorf nur vier Tagesritte von unserer Unterkunft entfernt, so konnten wir den Besuch nutzen, unser Vorratslager wieder zu füllen und Saatgut für den nächsten Frühling zu kaufen.

Toivo stolzierte grinsend über den Hof, half die Pferde zu zäumen und verteilte die Verpflegung. Diesmal hatte ich ihm versprochen, dürfe er mit reiten. Ob ein recht hart gesottener Söldnerhaufen die richtige Umgebung für einen Elfjährigen ist, bezweifele ich, aber als wir Toivo vor fast sieben Jahren in einem niedergebrannten Dorf fanden, ohne Eltern, ohne Hoffnung; war es Grond gewesen, der das kleine weinende Bündel vor sich auf seinen Sattel hob und ohne ein Wort mit in unsere Unterkunft nahm. Seitdem gehört er einfach dazu.

Endlich waren alle Vorbereitungen getroffen und wir brachen auf. Ich trieb meinen schweren Rappen sanft an, die Führung zu übernehmen. Toivo winkte ich neben mich. Er trieb sein kräftiges Pony zwischen den anderen hindurch und erschien mit einem breiten Grinsen auf seiner Position. „Du bleibst an meiner Seite und mach keine Dummheiten. Selbst dieser harmlos scheinende Weg birgt seine Gefahren.“ Eindringlich sah ich ihm in seine großen braunen Augen. War es ein Fehler, ihn mitzunehmen? Er war noch so jung, andererseits musste er lernen. Menschen wie wir ziehen Probleme an und für die musste ich meinen Schützling wappnen. Also ließ ich ihm ein aufmunterndes Lächeln zukommen und konzentrierte mich auf den vor uns liegenden Weg.

Hinter uns folgten in eine Unterhaltung über Politik vertieft Erik und Briela. Erik war als letzter zu unserer Truppe gestoßen. Einst der verwöhnte Sohn eines Edelmannes, bestand er auf sein schickes Ross und den feinen Zwirn seiner Hosen. Leicht war es nicht für ihn, sich unserem Leben anzupassen, oft schon diente sein höfisches Getue und spöttisches Lächeln als Grund für eine handfeste Auseinandersetzung. Er hatte sich entschieden, sein einstiges Leben hinter sich zu lassen, als er sich öffentlich gegen seinen Vater stellte und wegen Hexerei verurteilte Frauen auf freien Fuss setzte. Wir vermuteten alle, dass es hinsichtlich einer der Gefangenen besondere Beweggründe für diesen Schritt gab, aber niemand fragte. 
Briela ritt nun schon seit über zehn Jahren an meiner Seite. Früher unterrichtete sie an der Schule der Magie in Telsa. Einst ein unabhängiges Zentrum des Wissens und der Forschung. Doch seit Dazan nach dem fraglichen Ableben des Altmeisters Bragol die Führung übernahm, eine Ansammlung machthungriger Magieschüler.
Direkt hinter den beiden ritten Hauta und Dalweig. Mit grimmigem Blick brütete Dalweig wie so oft vor sich hin. In letzter Zeit sahen wir sie oft mit Hauta. Auch er war ein in sich gekehrter und ernster Mensch. Ich denke, sie trösteten sich schweigend, weil große Worte nicht ihre Sprache waren. Sie hatte beide Eltern verloren und wuchs bei einem Bauern auf. Sie hat es uns nie erzählt, aber ihre Narben zeugen von der Gewalt die ihr dort angetan wurde. Mit sechzehn Jahren kam sie zu uns und erkämpft sich als zornige, schnelle Schwertfrau ihre Rache an der Vergangenheit. Hauta, ein großer Nord mit rotblonden Haaren und wilden schmalen Augen. Seine Familie wurde ausgelöscht von einem fehlgeleiteten Zauber. Seither reitet Hauta mit uns.
Grond und Tjare waren etwas zurückgefallen. Mal wieder waren sie sich wegen etwas in den Haaren. Der immer gut gelaunte Halbork Grond benahm sich meist wie ein großer Junge, was in einem solchen Gegensatz  zu seinem gewaltigen Aussehen stand, dass nicht jeder etwas für seinen Humor übrig hatte. Tjare hatte keine Angst vor Gronds Späßen. Sowieso hatte Tjare eigentlich nie Angst. Er blieb auch nach den fünf Jahren, die ich den jungen Magier kannte ein Rätsel. Mal blieb er über Wochen verschwunden, dann tauchte er plötzlich wieder auf und gliederte sich in unserer Leben ein als wäre er nie weg gewesen. Er hat uns noch nie hängen lassen, aber irgendetwas stimmte mit Tjare nicht. 
Taimen kundschaftete die Gegend aus, hielt nach frische Spuren Ausschau und erjagte uns meist ein schönes Abendessen. Taimen war als kleiner Junge ausgesetzt worden und in den Wäldern im Westen aufgewachsen – immer auf der Suche nach Nahrung und im ständigen Kampf ums Überleben, wurde er wohl zu einem sicheren Spurenleser und unbarmherzigen Gegner. Sein ständiger Begleiter, ein Schneefuchs namens Grey und er waren oft allein unterwegs, meist abseits aller Menschen in Tiefen der Wälder. Taimen gehörte nun schon fast zehn Jahre zu uns und war mir ein guter Freund geworden.

Es war eine ereignislose Reise und wir hingen unseren Gedanken nach, genossen die Wintersonne und schöne verschneite Landschaft. Taimen erlegte ein paar köstliche Wildkaninchen und Briela erzählte uns am Feuer Geschichten über fremde Länder, die kein anderer von uns je gesehen hat.
Toivo liebte es mit uns zu reiten und übernahm abends die Pflege und Fütterung der Tiere, machte Feuer oder übte seine Treffsicherheit mit den Wurfmessern. Grond hatte sie ihm letztes Julfest geschenkt. Seitdem hatte er fleißig trainiert und war zu einem gefährlichen Gegner geworden.

VULLON

Wir erreichten die an einem großen See liegende Ortschaft am Abend des vierten Tages. Kleine Holzhäuser drängten sich um die stolze Feste der Siedlung. Es war weit und breit der einzige Steinbau in der Gegend. Stolz erhob sich ein Turm an der Seite des Hauptgebäudes und das Tor hatte solide Eisenbeschläge. Ein neuer  Pallisadenzaun war vor nicht allzu langer Zeit um das Dorf erbaut worden. „Was führt euch so spät noch nach Vullon?“ erklang es vom Tor her. Da wir nicht über unsere Aufgabe sprechen wollten, rief ich zurück: „Wir kommen um Saatgut auf dem Markt zu kaufen. Bald ist Frühling und unsere Kornspeicher sind so gut wie leer.“ Der Wachhabende sah uns misstrauisch an, Angst schien er nicht zu haben, seine Augen betrachteten jeden meiner Gefährten genau. Schließlich nickte er einem weiteren Wächter zu und wir konnten passieren. Irgendwie seltsam dachte ich, er hat nicht einmal nachgefragt, warum ein bewaffneter Konvoi nötig ist, um ein wenig Saatgut auf dem Markt zu ergattern. Froh, endlich nach einem guten Humpen Met in die weichen Federn eines Herbergsbettes fallen zu können, machte ich mir keine weiteren Gedanken über den nachlässigen Wachmann.

Schnell versorgten wir unsere treuen Reittiere im Stall der Herberge. „Nicht viel los hier, „bemerkte Tjare und deutete auf die übrigen leeren Pferdeboxen im Stall, naja, so werden wir unseren entlaufenen Jungspund schnell finden. Er wird wohl ein Mädchen gefunden und seinen Aufenthalt etwas verlängert haben!“ „Grmph.“, brummte Dalweig. Sie hatte bisher keinen Mann in ihre Nähe gelassen und reagierte auf das Thema meist ein wenig empfindlich.
Auf dem Weg zum Schankraum legte ich Bram eine Kordel um den Hals, seine Erscheinung war mehr die eines Wolfes als denn die eines Hundes. Und so war auch sein Wesen zu einem Teil noch immer ein Wildtier. Um das weiche Bett und ein paar gute Humpen nicht zu gefährden, hielt ich ihn bei mir. Auch gab ich Grond durch einen Zeig zu verstehen, er solle Toivo im Auge behalten.

In der Taverne angekommen, bemerkten wir, dass wir tatsächlich die einzigen Gäste an diesem Abend zu sein schienen. Der Wirt sah uns über den Tresen mit ausdruckslosen Augen an. „Ich denke, ich hol uns erstmal was Ordentliches zum Trinken“, kündigte Grond gutgelaunt an und bestellte uns eine Runde heißen Met. Als der Wirt uns die Getränke brachte, schlug Tjare ihm auf die Schulter „Setz dich zu uns, hier scheint ja nicht viel Arbeit anzustehen. Und Dalweig freut sich sicher über ein wenig Gesellschaft!“ Er zwinkerte Dalweig verschmitzt an. Die Schwertfrau lachte humorlos und entgegnete bissig: „Dann muss ich mir wenigstens nicht dein dummes Gerede anhören!“ Allerdings reagierte der Wirt überhaupt nicht auf Tjares Angebot und verschwand schweigend wieder hinter seinem Tresen. Wir  sahen uns fragend an, lachten über den prüden Kerl und Tjare überlegte grinsend. „Vielleicht ist Dalweig nicht sein Geschmack und er hätte lieber neben Grond gesessen!“ was ihm einen Schlag auf den Kopf einbrachte und er heulte verletzt auf. So saßen wir bis spät in die Nacht beisammen, tranken und aßen. Toivo hatte sich neben Bram vor den Kamin  gelegt und schlief tief und fest, einen Arm um den Hals des Tieres geschlungen. 
Schließlich übermannte uns die Müdigkeit und auch die Wirkung des süßen Mets ließ uns gähnen. So fragten wir nach Zimmern, ließen uns die Schlüssel geben und stiegen die Treppe zum Obergeschoss herauf. Da es nur drei Zimmer gab, teilten wir die zwischen uns auf und wünschten uns eine gute Nacht. „Morgen früh erstmal Besprechung, eine Stunde nach Sonnenaufgang; danach holen wir uns den Ausreißer und bringen ihn nach Hause!“, konnte ich noch loswerden. Die anderen nickten. Ich war froh, dass Taimen mein Bettgenosse war. Wir standen uns sehr nah und so tat es gut an seiner Brust einschlafen zu können.

Auch am nächsten Morgen war niemand außer uns zu Gast in der kleinen gemütlichen Taverne. Wir setzten uns an einen Tisch um einen Happen zu essen und das Vorgehen zu besprechen. „Grond, Toivo und Dalweig, ihr geht auf den Markt und kümmert euch um die Einkäufe. Tjare, Hauta, Erik und Briela, ihr fragt euch bei den verschiedenen Herbergen und Tavernen durch, ob jemand Thore, so heißt der junge Mann, nach dem wir suchen, gesehen hat. Taimen und ich gehen mal zur Feste und sehen nach, ob er vielleicht noch dort ist. Er war dort zu einem Festmahl geladen worden und sollte die Handelsbeziehung zu seinem Heimatdorf  auffrischen.“, entschied ich und Grond salutierte grinsend. Es machte ihm immer Spaß den bösen Ork zu mimen und so bei den Händlern am Markt die besten Preise zu erzielen. Erik fühlte sich nicht wohl in seiner haut, er war es nicht gewohnt, dass andere bestimmten, was er tat. „Du gewöhnst dich schon noch an uns“, munterte Briela ihn auf. Auch ihr war sein hochnäsiger Blick aufgefallen.             
„Soley meint es doch nicht böse und einer muss nun mal das Ruder in der Hand haben.“ Er zuckte mit den Schultern und murmelte etwas von Frauen und Anführer.

Kurz darauf liefen wir durch die Straßen geradewegs auf den großen Steinbau zu. Die Feste wirkte so fremd und kalt, ein riesiger Berg grauer Steine. „Es gefällt mir hier nicht und auch Grey ist uns nicht bis hierher gefolgt“, bemerkte Taimen. Ich nickte und tastete unterbewusst nach meinem Schwert. Erleichtert fühlte ich das kühle Metal in meiner Hand und nickte ihm aufmunternd zu. „Na, stell dich nicht so an, vielleicht möchte Grey sich ja nur ein wenig Abfall auf dem Markt ergaunern!“

Am Tor erfuhren wir, dass niemandem Zutritt zum Inneren der Festung gewährt würde. Also fragte ich direkt den Wachhabenden: „Wir sind auf der Suche nach Thore dem Sohn des Dorfältesten von Deegen. Er war vor einiger Zeit hier zu Besuch und ist seither nicht nach Hause gekommen. Sein Vater macht sich Sorgen. Er hat uns geschickt “ „Ich kenne keinen Thore, hier ist niemand zu Gast, schon seit zwei Wochen nicht.“ Der Wachmann sah an uns vorbei während er sprach, seine Antwort kam, als hätte er nicht einmal nachgedacht. Ich sah zu Taimen, er zog die Brauen hoch uns gab mir mit einem Nicken zu verstehen, dass wir erst einmal gehen sollten um weiter zu sprechen. „Hier ist doch was faul“, in Gedanken versunken, überlegte er laut: „Die Torwache stellt keine Fragen, der Wirt ist nicht gesellig, wie es sich für seine Zunft gehört und nun werden wir an der Feste wieder ohne Gegenfrage abgewiesen.“ „Ich gebe dir Recht und gefällt mir auch langsam ganz und gar nicht mehr hier. Wir sollten die anderen suchen und mit ihnen sprechen, vielleicht haben sie ja etwas entdeckt.“ schlug ich vor. Auf dem Weg zurück in die Stadt fand Grey uns wieder. Bram drückte sich gegen meine Beine, er spürte meine Anspannung. Langsam fing ich an, mir Sorgen um den Rest unserer Gefährten zu machen – vor allem um Toivo. Alles schien so unwirklich in dieser Stadt, die Menschen waren so wenig lebendig, so wenig natürlich, kein lautes Rufen, kein Gezeter, kein Lachen auf dem ganzen Marktplatz. Da nicht viel los war, dauerte es nicht besonders lange bis wir auf Grond und seine Schützlinge stießen. Er schnaubte:“Mann, das ist ja viel zu einfach hier. Als hätten die Händler nichts zu verlieren, keine Feilschen, kein Streit, nichts. Wir haben alle Einkäufe zusammen – für einen Bruchteil des Goldes, was sie wert gewesen wären. Als hätte man denen die Köpfe abgestellt.“ Er lachte, aber es klang ein wenig gedämpft.

DUNKLE BEDROHUNG

Als wir später wider in der Herberge eintrafen überraschte uns der Anblick eines weiteren Gastes. Ein junger Mann, fast noch ein Junge, saß flüsternd beim Wirt und schaute ängstlich zu uns hinüber. Mein Blick traf sich mit Brielas und sie stand auf um sich den Jüngling genauer anzusehen. Unauffällig beobachtete ich das folgende Gespräch und konnte aus Brielas zu Falten zusammen gezogener Stirn erkennen, dass es wohl später noch einiges zu bereden gab. An diesem Abend tranken wir nur wenig und eine angespannte Stimmung machte sich breit. Grond schüttelte immer wieder geistesabwesend den Kopf und man hörte ihn grummeln „Hier stimmt was nicht…“.

Später an diesem Abend setzen sich Briela und Sven, so hieß der Junge,  zu uns herüber und er berichtete: „Es ist sicher schon einen Monat her, als die alte Brana, Seherin Feste, auf dem Markt erschien und  begann uns von ihren unheilvollen Gesichtern zu erzählen. Immer wieder beteuerte sie, dass großes Unheil drohe und wir uns schützen müssten. Fast alle gerieten in Angst und so ließ sich ein jeder von ihr durch einen Kraftspruch segnen. Auch meine Eltern sind bei ihr gewesen. Seitdem ist es fast so als ob fremde Geister in ihren Körpern wohnen. Das Lachen meiner lieben Mutter ist verstummt und auch Vater sitzt die meiste Zeit nur stumm am Ofen. Seine Schmiede ist nun schon seit sechs Tagen kalt.“ Briela nickte mir zu – Magie. Also hatte es begonnen und die schwarze Kunst aus Telsa begann ihre Macht zu entfalten. Der Abend wurde lang und wir erfuhren von Sven, dass sonderbare Männer in schwarzen Roben vor einiger Zeit auf dem Weg in die Feste gesehen worden waren. Alles schien zusammen zu passen. Dalzan tränkte die örtlichen Magier, Seherinnen und Druiden mit seinen giftigen Versprechungen.

Am nächsten Morgen ließ ich Dalweig und Hauta vor dem Morgengrauen in Richtung Norden reiten. Wir brauchten Hilfe und ich hoffte auf die Unterstützung von Thorian und seiner Horde. Schon oft hatten wir Seite an Seite gekämpft und auch er hatte noch eine Rechnung mit Dalzan zu begleichen.

Taimen, Eric und ich tauschten unsere Rüstungen gegen die Kleidung des Volkes und eilten so hinauf zur Feste. Höchste Zeit, etwas mehr über die Sache zu erfahren!
Lange war es her, dass ich Röcke getragen hatte und so zwang mein Gewand mich letzlich hinter meinen Kumpanen zurückzubleiben. Taimen grinste mich über die Schulter an: „Endlich sieht man dich mal, wie es sich für ein Weib gehört!“ er feixte und auch Eric grinste amüsiert. Voll darauf konzentriert mich nicht in dem bodenlangen Wollrock zu verfangen, begnügte ich mich mit einem entnervten Schnauben.

Aufgrund unserer vorsichtshalber erworbenen Körbe voll Äpfel ließ an uns als Boten ein und wies uns den Weg zur Küche. Auch hier waren die Menschen stumm und angespannt. Wir wurden kaum eines Blickes gewürdigt und selbst die Wachen sahen stoisch auf den Boden als wir sie passierten.

Endlich standen wir in der Küche und unser Führer befahl uns wirsch an die Köchin. Ich trat mit gesenktem Haupt auf sie zu und fragte: “Ach bitte, wo könnten wir wohl die Waren ablegen?“ „Na, stellt die Körbe zu den anderen in der Ecke, ist sowieso viel zu viel. Hier scheint ja jedem der Appetit vergangen zu sein. Ich frag mich wirkich, was hier wohl los ist. Liegt wohl an Brana und ihren Geschichten, mit denen sie alle verrückt macht.“ Erleichtert sahen Taimen und ich uns an, es schien immer noch Menschen zu geben, die die alte Hexe nicht gebannt hatte. Wir verabschiedeten uns wortkarg und begannen mit unserer Suche nach Branas Geheimnis.

Hinter der nächsten Biegung hatten sie es geschafft, Dalweig und Hauta trieben ihre schweren Pferde ein letztes Mal an und schon sahen sie Thorians Gehöft. An der Feuerstelle in Mitte des Hofes saßen sechs Gestalten und der Geruch von gebratenem Wild stieg den beiden in die Nase. „Hier stimmt was nicht, das sind nicht Thorians Streiter.“ zischte Dalweig leise. Hauta nickte und griff nach seiner Axt. „Wo ist der Herr dieses Hofes?“ Sein Ruf zerriss die Stille und ließ die gerade noch ins Mahl versunkenen Männer auffahren. „Was wollt ihr hier?“ rief ein dürrer Kämpfer mit zerschlissener Lederrüstung. Hinter einem Fenster zeigte sich kurz ein Schwarzgekleideter. „Bist du bereit?“ Hauta sah Dalweig in die Augen, beide nickten grimmig und ohne ein weiteres Wort trieben sie die Pferde hinüber zur Feuerstelle. Der Dürre konnte sich noch fallen lassen, aber seinem Kumpan kostete der Angriff den Kopf. Hauta versenkte seine Axt mit einem tiefen Schrei im Rücken eines Anderen. Dalweig sprang vom Pferd und fand sich sogleich in einem Zweikampf mit einem Burschen wieder, der mit dem viel zu großen Langschwert wild auf sie eindrosch. Sie parierte gelassen die ungekonnten Schläge. „Du wärst wohl besser gelaufen, als du es noch konntest.“ Ein wölfisches Grinsen stahl sich in ihre sonst so gefühllosen Züge als sie ihrem Gegner mit einem Schag das Schwert aus der Hand fegte, um ihm sogleich die Klinge tief in den Bauch zu rammen. Nicht weiter auf ihn achtend wandte sie sich Hauta zu. Er hatte es mit den restlichen drei Schwertkämpfern zu tun und schwang die große Axt, um sich ein wenig Freiraum zu schaffen. Neben dem Dürren, behauptete sich noch ein großer Söldner, der ein Schwert nicht zum ersten Mal in der Hand zu halten schien und ein drahtiger Kerl, dessen rechter Arm bereits stark aus einem langen Schnitt blutete. Ohne zu Zögern zog Dalweig den Dolch und sprang den Söldner von hinten an. Überrascht schrie er auf, doch im nächsten Moment zog sie ihm die Schneide bereits über die Kehle. Hauta knurrte grimmig und fuhr mit seiner geschärften Axt in die Schulter des Dürren.  Blitzschnell zog er sie aus dem Fleisch und, duckte sich unter einem Schlag auf seinen Kopf  weg und  ließ sie in einem Bogen seitlich in den Brustkorb des letzten Gegners krachen. „Alles in Ordnung?“ Er deutete auf einen Riss in Dalweigs Lederhose, aus dem ein kleines Rinnsal frischen Blutes kroch.“Pah“, herausfordernd sah sie ihn an. „Scheiße, dass Briela nicht hier ist, jetzt müssen wir uns den Schwarzen ohne magisches Schutzschild vorknöpfen.“ „Wir sollten ihn rauslocken, so können wir ihm wenigstens einen Pfeil zwischen die Augen verpassen“, schlug Hauta vor. In dem Moment riss ein Feuerball die Tür aus den Angeln. Instinktiv ließen sie sich in den Dreck fallen und rollten seitlich in die mickrigen Büsche. „Ha, versteckt euch ruhig ihr  Maden!“ Ein blasser schlanker Mann in der Robe der Magier sprang aus dem Haus. Sie sahen sein Schutzschild in der Sonne glänzen und hörten das murmelnde Beschwören weiterer Kampfzauber aus seinem Mund. Beide rannten zeitgleich los Richtung Pferde und konnten dem nächsten Angriff nur mit einem beherzten Sprung hinter den Brunnen entkommen. „Hey, sieh zu, dass du zu den anderen zurück nach Vullon kommmst. Ich mach das hier schon.“ Hauta stieß die drahtige kleine Kämpferin hart weg und machte sich kampfbereit. Sie packte ihn am Arm und sah ihm tief in die schmalen blauen Augen. „Wenns einer gewesen wär, dann du. Mag Thor dich im Kampfe führen, Hauta.“ Mit einem Satz war sie aus der Deckung gesprungen und rannte auf die Pferde zu. „Du wirst es schaffen“, raunte Hauta. Mit aller Kraft drückte er sich vom Boden ab, hob die Axt über den Kopf und mit einem grausamen Schrei auf den Lippen stürmte auf den Schwarzen zu.

 
Geduckt, unsere Kapuzen tief in die Gesichter gezogen, schlich ich mit Taimen und Eric in den hinteren Teil des großen Herrenhauses. Nach einiger Zeit hatten wir die Tür zu den Kellern gefunden. Unter dem Vorwand Gepökeltes für die Köchin holen zu müssen, ließ die Wache uns passieren. Nur durch hier und da an der Wand befestigte Fackeln beleuchtet, stiegen wir leise die ausgetretene Steintreppe hinab in die Dunkelheit bis uns der schmale Gang zu zwei Türen führte. „Nimm du diese da … und sei vorsichtig!“ Ich zeigte auf eine grobe Holztür und Taimen machte sich daran sie leise zu öffnen. Eric kam mit mir, so hatte ich besser im Blick, er konnte sich in seine gegenwärtige Rolle als Gemeiner nicht gerade einfinden; unter seinem fadenscheinigen braunen Wollwams schauten an mancher Stelle die guten Unterkleider hindurch und sein Blick blieb der eines Edlen. Wir nahmen uns die andere Türe vor. Sie war verstärkt und wir hörten im Inneren eine leise Stimme. Langsam schob ich den Riegel zur Seite und zog das dunkle Holz einen Spalt weit auf. Auch Taimen fand sich wieder bei uns ein, mit einem Nicken signalisierte er mir, dass der andere Raum keine Gefahr für uns bedeutete.  Wir wagten einen Blick in den vor uns liegenden Raum und erstarrten. Dort saß Brana auf dem Boden. Ihr Körper bog sich in Trance auf und nieder. Ihr heiseres Murmeln konnte wir nicht verstehen, aber die von Hanf und anderen Kräutern geschwängerte Luft, das Siegel der Totengöttin um ihren Hals und das kalte stechende Prickeln auf unserer Haut konnte nur den einen Schluss zulassen: Brana hatte sich der Totengöttin geweiht und erbat deren Befehle. Ohne Zweifel hatten die Gesandten der schwarzen Schule Brana mit ihren Lügen und Versprechungen so geblendet, dass nun auch die alte Seherin sich der dunklen Seite zuwandte. 
Wir hatten genug gesehen. Also schnappten wir uns ein paar Töpfe Gepökeltes, um auch unseren Rückweg unerkannt zurücklegen zu können.

Bis auf ein paar misstrauische Blicke der Wachhabenden gelangten wir erleichtert wieder in unserer Herberge an. 
Der zur Untätigkeit verdammte Grond saß mit einem Humpen Met in der Ecke der Gaststube und sah Toivo und dessen neuer Bekanntschaft Sven dabei zu wie die beiden Jungen ihre Kräfte maßen.  „Und ich dachte schon, ich müsste heute Nacht die Feste stürmen um euch da wieder raus zu bekommen!“ Der Halbork lachte und schlug Eric halbherzig auf den den Rücken.  Wir ließen uns nieder und beratschlagten, wie es nun weitergehen sollte. Hauta und Dalweig waren noch nicht zurückgekehrt und so langsam machten wir uns Gedanken um sie. Tjare hatte sich zurückgezogen, wie so oft.

Als es schon spät war und wir uns unsere Gemächer zurückziehen wollten, kam eine vom Regen tropfnasse und zitternde Dalweig in die Herberge gestolpert. Besorgt holten wir ihr Decken und einen heißen Met. Wo waren Thorians Männer? Was ist mit Hauta? „Du siehst ja schrecklich aus, was bei Thors Hammer ist passiert?“ Man merkte wie schwer , der sonst so harten Dalweig, diese Antwort viel. „Thorians Hof ist in der Hand der Schwarzen. Hauta ist geblieben, um mir den Rückweg zu ermöglichen. Ihr musstet erfahren, dass die schwarze Seuche auch anderenorts um sich greift.“ Endlich kullerten Tränen aus ihren dunklen Augen und sie flüsterte nur noch. „ Er kann es kaum geschafft haben – allein gegen einen Schwarzen.“ Sie zog die Decke über ihr Gesicht und weinte. So lange kannten wir diese junge Frau nun schon und doch fühlten wir uns hilflos und wussten nichts zu sagen. Es war ein Schlag, dass Hauta nicht mehr mit uns reiten würde. Schon viele sind den Jahren gekommen und wieder gegangen, das ist der Lauf der Dinge und doch tut es weh. Schweigend saßen wir  bis tief in die Nacht und tranken auf Hautas Wohl. Er war ein Krieger und  würde seinen Platz bei den Göttern finden. Dalweig weinte sich in einen unruhigen Schlaf.

To be continued…

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