Amok – Klappe, die Zweite!

Nachdem ich mich hier bereits über das Thema Amoklauf allgemein zur Genüge ausgelassen habe, möchte ich nun speziell das Schoolshooting am 20.11.2006 in Emsdetten zu thematisieren.

Das Besondere an diesem Amoklauf sind für mich die Hinterlassenschaften des Täters in Form von Videos und Texten, die uns auch im Nachhinein Einblick in seine Beweggründe liefern. Auch wenn diese in der Presse völlig falsch oder nur teilweise und daher verfälscht dargestellt wurden, hat Sebastian Bosse viele Menschen damit erreicht. So auch mich. Beim Lesen seines Abschiedbriefs packt mich kalte Wut auf all die Menschen, die einen jungen intelligenten Mann in solch eine ausweglose Situation treiben und die, die es stumm geduldet haben, dass es soweit kommt.

Seine Texte zeigen einen sehr freidenkenden, leider durch seinen Hass gedanklich eingeengten jungen Menschen, der sich mehr als andere Gedanken über die Gesellschaft und deren Missstände gemacht hat. Seine Darstellung in den von ihm veröfffentlichten Videos lassen uns den „Rächer“ Sebastian Bosse kennenlernen. Gerne posiert er mit Waffen und im langen schwarzen Mantel in Waldstücken und zündet seine selbstgebastelten Bomben. Ich denke, diese Zurschaustellung von Härte gab ihm zunächst das Gefühl einer gewissen Macht gegenüber seinen Peinigern und dem Gros der Gesellschaft im Allgemeinen. Aber es sollte nicht genügen …

Das Gefühl einer Seelenverwandtschaft möchte ich nicht leugnen und auch mein Verständnis für sein Vorhaben kann ich nicht dementieren. Seine Tat war in meinen Augen die logische Schlussfolgerung zu seinem bisherigen Leben. Er wurde unter den Augen von Lehrern und Mitschülern gemobbt, galt als Außenseiter, weil er sich dem allgemeinen Trend nicht unterwarf und floh so Stück für Stück immer weiter in seine eigene Welt. Andere hätten sich einfach das Leben genommen, aber wenn Frust und Depression zu Hass werden, kann es nur Opfer geben. So wählte er die Rache als seine Antwort auf die jahrelange Schikane. Dass er am Schluss auch sich selbst tötete steht für mich eigentlich in einem Gegensatz zu seinem vorherigen Verhalten, aber vielleicht wusste er, dass es danach so und so keinen erträglichen Platz in dieser Welt für ihn geben würde.

Dass das Interesse an dem Menschen hinter ResistantX bis heute andauert und immer wieder neue Threads und ganze Foren sich seinem Thema widmen, zeigt, dass er absolut nicht alleine stand. In einer Gesellschaft, die so auf Erfolg und Ansehen versteift ist, wird es in Zukunft nur noch mehr geben, die nicht mehr mitmachen wollen und dies zu spüren bekommen. Es ist Zeit zum Umdenken, Zeit beispielsweise unser Schulpersonal näher unter die Lupe zu nehmen, die ja unumstritten in jedem der Fälle versagt haben, weil sie nichts bemerkt haben oder sogar nichts bemerken wollten. Dieser Junge musste sterben, weil keiner sich ihm angenommen hat, weil er wissentlich alleingelassen wurde. Nur hat er sich gewehrt und damit haben sie nicht gerechnet!

About the author: Belkala

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